Artists Statement
Vanessa Gravenor
Stipendium Bildende Kunst 1.10. – 31.12.2025
Portrait 2025, Photo by Amin Darbandi
Was hat dich dazu bewogen, dich um das Stipendium von otte1 zu bewerben?
Ich bin auf das Programm aufmerksam geworden und fand es sehr passend für mein mehrjähriges Projekt Masking Fears at the Periphery, das ich 2023 begonnen habe. Es handelt sich um ein künstlerisches Rechercheprojekt, das untersucht, wie sich Ängste in Warn- und Testsystemen, Werbeanzeigen, Übungen, Drills und Ritualen vom Kalten Krieg bis in die Gegenwart manifestieren. Ich habe das Projekt mit einem kurzen Video aus Found Footage und Animation begonnen, Cover, Duck & (2023), und es anschließend mit Free Recall (2024) fortgesetzt. Für die letztere Arbeit habe ich an der Ostsee an der Westküste Lettlands gedreht und einen längeren Dialog über Landschaften als Speicher von Erinnerungen eröffnet. Die Residenz habe ich als Chance genutzt, einen anderen Abschnitt desselben Meeres weiter zu erkunden und zu verfolgen, wie sich Bedrohung in Gewässer einschreibt – wie Ulrike Gerhard es so treffend formuliert: als materielle Erinnerungen.
Was hast du im Rahmen deines Aufenthalts erarbeitet?
Ich habe an einem neuen filmischen Rechercheprojekt gearbeitet und am Strand in Eckernförde gedreht. Ich richtete die Kamera auf den Militärstützpunkt links vom Strand und auf das Torpedo-Testgelände rechts davon. Außerdem habe ich viel Zeit in der Heimatgemeinschaft Eckernförde arbeitend und lesend verbracht und dort über die Präsenz von Zwangsarbeiter:innen erfahren, die während des Zweiten Weltkriegs in der Region interniert waren. Darüber hinaus habe ich Interviews mit Fachleuten und Personen in Kiel, Eckernförde und Gettorf geführt, die in diesen Meeresanlagen gearbeitet haben oder deren Leben davon beeinflusst wurde. Zusätzlich habe ich eine neue Serie von Aluminiumarbeiten und fotografischen Drucken mit dem Titel Fear Is a Light Spectrum (2025) realisiert, die ich im Rahmen meiner Solo-Präsentation zeigte: als Ausstellung, Filmscreening und moderiertes Gespräch mit der Visual-Culture-Wissenschaftlerin und Kunstpädagogin Ulrike Gerhard. Die Drucke sind sich kontinuierlich weiterentwickelnde Fotocollagen, die auf Archivmaterialien basieren, die ich im Laufe verschiedener Forschungsreisen in der Vergangenheit gesammelt habe. Während des Stipendiums hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, diese Collagen in einem endgültigen Werk zu verwirklichen.
Was hat dich im Künstlerhaus in Eckernförde inspiriert?
Die Freundlichkeit, Großzügigkeit und Offenheit der Menschen, insbesondere der Mitglieder und Vorstandsmitglieder des Künstlerhauses. Die melancholische Schönheit der Landschaft bot zugleich Zuflucht und Ruhe, um mich intensiv mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen.
Was nimmst du aus Eckernförde für deine weitere künstlerische Entwicklung mit?
Ich setze beide Projekte fort und plane weitere Dreharbeiten im Frühjahr 2026. Außerdem plane ich neue fotografische Prints aus Fear Is a Light Spectrum, die ich derzeit aufarbeite und drucke.
Was möchtest du hinzufügen?
Ich bin sehr dankbar für die Zeit in der Residenz und besonders für die Möglichkeit, Arbeiten in Form von Ausstellungen und diskursiven Veranstaltungen zu präsentieren. Diese Ereignisse und der Austausch mit dem Publikum waren in dieser Phase meiner künstlerischen Entwicklung besonders bedeutsam, und der Ort hat mich dazu ermutigt, Risiken mit neuen Materialien einzugehen – etwa mit Aluminium und fluoreszierendem Acrylglas –, die ich allein in meinem Berliner Atelier vermutlich nicht ausprobiert hätte. Da die lokale und nationale Kulturlandschaft in Deutschland und darüber hinaus zunehmend prekär wird, ermöglichen Institutionen wie Otte 1 Kultur überhaupt erst.