Cheng-Yen Yu – Geopoetik: Pflanzengedächtnis und fiktionale Archäologie (Kapitel Deutschland)

Am Samstag, 27.6. um 12:30 Uhr eröffnet unser Stipendiat Cheng-Yen Yu eine Ausstellung seiner Werke, die in Eckernförde entstanden sind. Seine Gemälde kombinieren Strukturen, Materialien, Farben und Beschichtungen zu Kunstwerken, die als „Fiktionale Archäologie“ das was war, das was ist und das was eventuell sein wird verbinden.

Pflanzen existieren nicht nur als Lebensformen in der Natur, sondern auch als Träger von Zeit, Geografie und kulturellem Gedächtnis. In „Geopoetik: Pflanzengedächtnis und fiktionale Archäologie“ werden Pflanzen als Wahrnehmungsvermittler betrachtet, die sich zwischen Materialität und Erinnerung verorten. Ihre Präsenz durchzieht Land, Körper und gelebte Erfahrung und hinterlässt Spuren angesammelter Zeit.
Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht die Serie „Geopoetry – Germany“, die sich auf sieben Pflanzenarten konzentriert, denen man im deutschen Alltag begegnet: Hängende Sternblume, Marto-Rose, Löwenzahn, Lithodora diffusa, Weißes Veilchen und Krokus. Diese Pflanzen wurden nicht aufgrund ihrer botanischen Bedeutung oder ihres symbolischen Status ausgewählt, sondern ergaben sich aus den Erfahrungen des Künstlers beim Spazierengehen, Verweilen und Beobachten. Sie wachsen an Straßenrändern, in Hausgärten, auf städtischen Brachflächen und auf Wiesen in Vororten und werden so zu Spuren von Bewegung, Ort und geografischem Gedächtnis.

Im Gegensatz zu den in ostasiatischen Traditionen gefeierten Blumen – wie Pfingstrose, Orchidee, Pflaumenblüte oder Chrysantheme – gehören diese Pflanzen zum Reich der gewöhnlichen und oft übersehenen Blumen. Sie tragen keine etablierte kulturelle Symbolik in sich, reagieren jedoch still auf lokale Umgebungen und Jahreszeitenzyklen. Ihre Präsenz steht im Einklang mit dem chinesischen Sprichwort „Selbst ein winziges Körnchen strebt danach, wie die Pfingstrose zu blühen“, das darauf hindeutet, dass kleine und bescheidene Lebensformen keine gefeierten Blumen werden müssen, um unter ihren eigenen Bedingungen zu gedeihen.

In den Werken werden Pflanzen nicht mehr als Objekte der Darstellung behandelt, sondern als Strukturen, in denen sich Wissen, Erfahrung und materielles Gedächtnis ansammeln. Unter Verwendung von Kalziumkarbonat, Erde, Mineralien, Ton, Fossilienpulver und Baumaterialien entwickeln die Gemälde vielschichtige und reliefartige Oberflächen, die an geologische Schichten und archäologische Überreste erinnern. Durch Prozesse der Sedimentation, Rissbildung und Ansammlung wird das Material selbst zu einer Aufzeichnung der Zeit, während Pflanzenformen eher durch Transformation als durch Darstellung allmählich zum Vorschein kommen.

Die Ausstellung nutzt die „fiktionale Archäologie“ als methodischen Rahmen und betrachtet zeitgenössische Pflanzen und Materialien als spekulative Artefakte aus der Zukunft. Die Werke erscheinen zugleich als botanische Exemplare und als nicht identifizierte archäologische Fragmente und oszillieren zwischen Realität und Vorstellungskraft, Vergangenheit und Zukunft. Die Betrachtung verschiebt sich somit jenseits der Bilderkennung hin zu einer Erforschung von Material, Erinnerung und Zeitlichkeit.

Durch die Schnittstelle von Pflanzen, Materialien und geologischen Schichten hinterfragt „Geopoetik: Pflanzengedächtnis und fiktionale Archäologie“ die sich wandelnden Beziehungen zwischen Mensch und Land, Natur und Kultur. Diese gewöhnlichen Blumen, die still innerhalb von Grenzen, an Rändern und in übersehenen Räumen wachsen, streben nicht danach, gefeierte Blüten zu werden; stattdessen gedeihen sie weiterhin in ihren eigenen Landschaften und Jahreszeiten.

FOTO 1: Geopoetik – Deutschland (Marto-Rose), 2026, Mischtechnik auf Leinwand, 35 x 35 cm
FOTO 2: Geopoetik – Deutschland (Löwenzahn), 2026, Mischtechnik auf Leinwand, 35 x 35 cm
FOTO 3: Geopoetry – Deutschland (Hängende Sternblume), 2026, Mischtechnik auf Leinwand, 35 x 35 cm